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Mond über Tunis, 2016
Transmedia-Echtzeitinstallation für Dar Ben Achour,
52, Rue du Pacha, Bibliothek der Stadt Tunis,
Sitz der Association Tunisienne Monuments et Sites

1 Beamer, 2 Lausprecher, mehrkanaliger Klang,
Computer und Live-Elektronik
Patiomaße: 9,20 x 6,50 x 10,00 m (L x B x H)
lichtes Maß: 7,65 x 6,50 (L x B)
Projektion: Ø 6,10 m

im Kontext des Internationalen Lichtkunstprojektes INTERFERENCE
1. - 4. September 2016 in der Medina von Tunis, Tunesien
Kuratoren: Bettina Pelz, Aymen Gharbi

Die Abbildungen zeigen:
• 3 Tagansichten des 2-geschossigen Innenhofes
• Plan mit Grundriss EG (samt Erschließung) sowie Schnitt.
Die blauen Bereiche sind für das Publikum zugänglich.
• Fotofolge: 2 x Totale, 12 x Zoom, 1 x Montage von 49 Monden


Ort
Dar Ben Achour wurde als Stadtpalais im 17. Jh. von Ben Achour erbaut und ist heute Sitz der städtischen Bibliothek von Tunis sowie Hauptsitz der Association Tunisienne Monuments et Sites.
Der Gebäudekomplex folgt der Typologie des tunesischen Patrizierhauses: Um einen oder mehrere Innenhöfe gruppieren sich die Wohn- und Lagerräume. Die Erschließung von der Straße aus erfolgt über eine Abfolge von Antichambres, die in Art einer Schikane die Einsicht in das Innere des Hauses, den Patio, verhindern: Familie, Hab und Gut entziehen sich den Blicken der Passanten.
Diese introvertierte, poetische Atmosphäre des Patios wird durch die freien Formulierungen der unterschiedlichen Seiten sowie der im Vergleich zur Grundfläche (ca. 48 qm) enormen Höhe von annähernd 10 Metern gestärkt, womit die aktuelle Nutzung von Haus Ben Achour als Bibliothek und kulturellem Treffpunkt der Medina mehr als passend gewählt erscheint.

Fläche
Die Bildsprache von Mond über Tunis ist in ihrem Ursprung flächig und zeigt nur zwei Elemente: Strich und Punkt. Aus diesen beiden Komponenten werden mehrere Alphabete entwickelt, deren Buchstaben, wie die Typen des Buchdrucks durch Position und Kombination des graphischen Vokabulars auf einem festen Raster entstehen.
Durch die Wahl eines Alphabets, die Wahl der Buchstaben und die Wahl der Schriftgrößen werden diese abstrakten Lettern zu Seiten, zu Druckbögen zusammengesetzt. Diese Druckbögen sind einem kontinuierlich fließenden Wandel unterworfen: sie werden bewegt, vergrößert, verkleinert, gestaucht, gespreizt, werden durch neue Seiten ersetzt, von anderen Seiten überlagert, wiederholen vorherige Inhalte.

Raum
In einem zweiten Schritt wird Fläche zu Raum, indem der sich in der Zeit verändernde, zwei-dimensionale content auf dem Mantel einer rechnerinternen Kugel abgebildet wird. Diese komplex beschriftete Membran befindet sich in einer permanenten, langsamen Rotation um die drei Achsen der Kugel. Die Wirkung der einzelnen Achsen wechselt ständig in ihrer Gewichtung. Die so entstehenden weichen, unvorhersagbaren Roll-Bewegungen bilden, zusammen mit der beschriebenen Wandlung der Druckbögen, die vier-dimensionale, raum-zeitliche Typographie von Mond über Tunis.

Projektion
Das Ergebnis dieses zweistufigen Prozesses wird dem Patio von Dar Ben Achour im oberen Bereich seiner schlichten, planen Schmalseite eingeschrieben. Die projizierte Kugel ist so positioniert, dass sie aufgrund der Wandstruktur in zwei (Mond-)Hälften geteilt wird: eine weiße und eine blaue. Die Synthese von statischem Untergrund und dynamischem Vordergrund und die daraus resultierende Brechung der Illusion ist ein entscheidender Aspekt von Mond über Tunis.

Klang
Die Klangsprache von Mond über Tunis besteht aus vielen individuellen, interagierenden Partikeln. Sie bilden Komplexe aus Tonhöhen, Rhythmen und Klangfarben, die sich in Gestalt und Gestaltung an natürlichen, außermusikalischen Phänomenen wie Wind, Regen oder Feuer orientieren.
Bild und Klang entstehen synchron und sind in erster Linie über Lautstärke und Dichte miteinander verknüpft. Beide Signale entstehen rein digital und werden in Echtzeit generiert.

Mond über Tunis
Die Installation besteht in ihrer zeitlichen Gestaltung aus zwei, nach gleichen Prinzipien entstehenden optisch-akustischen Ebenen. Eine Ebene bespielt die gesamte Kugeloberfläche und nutzt die Möglichkeit der Durchsicht, aber auch die reine Aufsicht. Die andere Ebene wiederholt in ihrer Sichtbarkeit die kompletten Mondphasen von Neumond, zunehmendem Mond, Vollmond und abnehmendem Mond. Sie verwendet nur die Aufsicht. Die beiden Ebenen sind von einander unabhängig und beginnen/ enden mit langsamen Blenden.

Projiziert wird eine tönend-bewegte Kugel, der Mond über Tunis entsteht erst durch den Betrachter.



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